Institute in Aufruhr

‚ÄěHolt Euch die Universit√§t zur√ľck, denn sie geh√∂rt den Ordinarien nicht!‚Äú

aus dem Ruprecht, Nummer 37

Noch bis Ende der Siebziger Jahre war die Heidelberger Universität ein heißes Pflaster Рund die Erinnerung daran verfolgt noch manchen an der Uni

Wenn der Professor im Fakult√§tsrat pl√∂tzlich mit den Worten „sie k√∂nnen hier als Student nicht alles sagen wie damals, 1977“ aufbraust; wenn sich bei der Frage, warum denn Prof. L. nach Berlin gegangen ist, pl√∂tzlich eine Mauer des Schweigens im Lehrk√∂rper aufbaut; wenn der ergraute akademische Oberrat ein konspiratives „das lief hier schon ‚mal anders“ fl√ľstert, dann merkt der unschuldig-junge Student, da√ü das Leben an der Ruperto Carola nicht immer so friedlich -geordnet dahinpl√§tscherte – und da√ü das Trauma der wilden Zeiten auch heute noch manch einen Dozenten gefangenh√§lt.

Die wilden Sechziger – sie waren in Heidelberg auch in den siebziger Jahren noch nicht ganz vorbei. Studentische Proteste und hochschulpolitische Auseinandersetzungen begleiteten das Leben an der Ruperto Carola auch nach dem H√∂hepunkt der „68er“-Bewegung, als deren Protagonisten schon ihren „Marsch durch die Institutionen“ angetreten, sich zersplittert oder resigniert hatten und an vielen anderen deutschen Universit√§ten in der Bundesrepublik wieder Frieden eingekehrt war.
Zwar gab es nur noch wenige koordinierte, die gesamte Universit√§t umfassenden Aktionen – trotzdem verging auch in den siebziger Jahren kaum ein Semester, in dem nicht irgendwo in Heidelberg diskutiert, demonstriert und gestreikt, aber auch gepr√ľgelt und prozessiert wurde.
Und weil viele dieser Ereignisse nicht nur Studierende gegen Lehrende oder Minister stellen, sondern auch z.B. Professoren gegen Professoren oder Professoren gegen Mittelbau, beeinflussen diese längst vergangenen Tage das Klima an der Universität auch heute noch.

Nach 1972: Ern√ľchterung

Zu Beginn der siebziger Jahre war die Aufbruchstimmung der „68er“ eigentlich schon l√§ngst verflogen. Wenngleich die Reformer – Studierende und Teile von Mittelbau und Professorenschaft – einiges erreicht hatten, konnten sich keine dauerhaften Koalitionen bilden, die Weiteres durchgesetzt oder sich jenen entgegengestellt h√§tten, die das Rad wieder zur√ľckdrehen wollten. Viele Studierende h√∂rten auf, sich in der Hochschulpolitik zu engagieren, zogen sich resigniert auf Beobachterposten zur√ľck oder etablierten sich (wenn sie z.B. schlicht und einfach ihr Studium abgeschlossen hatten) in dem System, das sie reformiert haben wollten. L√§ngst gab es keine „Studentenbewegung“ mehr; der gr√∂√üere Teil der Studierendenschaft verfolgte das Geschehen an der Hochschule vielleicht noch mit Interesse, engagierte sich aber selbst nicht mehr. Aktiv wurde man h√∂chstens, wenn es am eigenen Institut zur Sache ging. Hochschulgruppen verloren an Zulauf, zersplitterten oder radikalisierten sich: Selbst wenn sich auch 1973 und danach der gr√∂√üte Teil der Studierenden noch als bewu√üt links empfand – der Graben zwischen sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Gruppen war so gro√ü, da√ü man sich kaum auf gemeinsames Handeln verst√§ndigen konnte – und nat√ľrlich erst recht nicht mit Hochschulgruppen aus dem konservativen oder konservativ-liberalen Spektrum, wie dem RCDS oder der in Heidelberg auftretenden „Aktionsgemeinschaft Demokratischer Hochschulgruppen“ (ADH).

Die Grabenk√§mpfe l√§hmten die Durchsetzungskraft der Studenten vor allem auf der gesamtuniversit√§ren Ebene. Sie verloren mehr und mehr an Glaubw√ľrdigkeit. Die Studierendenvertreter konnten sich immer schlechter legitimieren: So sank die Wahlbeteiligung bei Uni- oder Fakult√§tswahlen in den meisten Fachbereichen kontinuierlich, z.B. von 40% im Jahre 1970 auf knapp 26% im Jahre 1976 bei uniweiten Wahlen. Die Zweifel, ob die jeweils „regierenden“ Hochschulgruppen wirklich einen wichtigen Teil der Studierendenschaft vertraten, wuchs nicht nur bei ihren Gegnern

Wo aber radikale Gruppen die Studierendenvertretungen beherrschten, verschlechterte sich auch das Verh√§ltnis zu den reformfreudigen Lehrenden, mit denen Studierende zuvor noch gemeinsam Ver√§nderungen an der Uni hatten durchsetzen k√∂nnen: So stimmten z.B. kommunistische studentische Gruppen in den Universit√§tsgremien in Heidelberg in den Jahren 1970-72 immer wieder gegen Vorschl√§ge des liberalen Rektors Rolf Rendtdorff, weil auch er in ihren Augen ein „Scherge des Monopolkapitals“ war. Dadurch setzte sich letztendlich eine viel konservativere Richtung in den Senaten durch; erst recht, nachdem Rendtdorff 1972 resigniert zur√ľckgetreten war. „Sie [die Kommunistische Hochschulgruppe] machte es uns schon mit ihrer Sprache unm√∂glich, gemeinsame Positionen zu bilden“, erinnert sich ein Akademischer Oberrat, „dabei w√§re selbst Mitte der Siebziger noch einiges m√∂glich gewesen“. Koalitionen in Gremien z.B. zwischen bestimmten Professoren, Assistenten und Studierenden, wurde immer seltener.

Nicht nur deswegen begannen auch viele jener Dozenten, die die Reformierung der Universit√§t mitgetragen hatten, zu resignieren und sich aus der Hochschulpolitik, selbst vor Ort, zur√ľckzuziehen. „Wir hatten den Widerstand gegen weitgehende Reformen in den ersten Jahren einfach untersch√§tzt; au√üerdem gab es zu viele, die Ver√§nderung nur mit verbalem Wohlwollen und nicht mit aktiver Unterst√ľtzung begleiteten“, meint dazu ein Professor der Neuphilologischen Fakult√§t.

So konnten sich auch in Heidelberg (dessen Universit√§t auch in den siebziger Jahren noch teilweise als „rot“ galt) mehr und mehr jene durchsetzen, die die Reformen wieder zur√ľckdrehen wollten und vor allem den Einflu√ü der Ordinarien, der ordentlichen Professoren also, wieder st√§rken wollten. Viele von ihnen organisierten sich im 1970 gegr√ľndeten „Bund Freiheit der Wissenschaft“, einem konservativen Hochschulverband, der sich in jener Zeit zum Ziel gesetzt hatte, vor allem an sogenannten „roten“ Universit√§ten wie Heidelberg, Bremen oder Marburg den Einflu√ü linker Dozenten und Studenten zur√ľckzudr√§ngen. Gerade deshalb aber hatte der „Bund“ eine besonders gro√üe Anh√§ngerschaft in Heidelberg und bald begannen seine Miglieder, die Unipolitik entscheidend mitzubestimmen.

1972: Wende zur√ľck

Ein erster Wendepunkt in diese Richtung war der bereits erw√§hnte R√ľcktritt des Heidelberger „Reform“-Rektors Rendtdorff 1972. Er hatte versucht, die unruhige Universit√§t durch einen progressiven Kurs zu beruhigen. Damit geriet er aber – z.B. im Falle des Sozialistischen Patientenkollektives 1970/71 (siehe ruprecht Nr. 35) – im Gegenteil immer st√§rker zwischen die Fronten radikaler Studierender und konservativer Professoren. Die Auseinandersetzungen um seine Amtsf√ľhrung wurden in Universit√§t, Stadt und sogar im Fernsehen ausgetragen: Das SPD-Mitglied Rendtdorff bekam seinen festen Platz im konservativen „ZDF-Magazin“. Am Ende w√§hlte ihm der Gro√üe Senat Prorektoren an die Seite, die er nicht gewollt hatte.

Sein Nachfolger Hubert Niederl√§nder, ebenso wie dessen Nachfolger Mitglied des „Bund Freiheit der Wissenschaft“, leitete sofort einen neuen, harten Kurs ein. Er sorgte daf√ľr, da√ü mehr und mehr Studierende, die sich an Streiks, Vorlesungssprengungen und Institutsbesetzungen beteiligt hatten, diziplinar- oder strafrechtlich verfolgt wurden: W√§hrend Rendtdorff immer wieder bereit gewesen war, auch √ľber Gesetzesverletzungen hinwegzusehen, um die Auseinandersetzungen innerhalb der Universit√§t zu l√∂sen und nicht weiter anzuheizen, wollte Niederl√§nder die Universit√§t durch einen harten Kurs gegen√ľber St√∂rern, oder solchen, die es seiner Meinung nach waren, befrieden. Sein Erfolg war zun√§chst gemischt; am Ende seiner Amtszeit im Jahre 1979 aber hatte er an der Universit√§t tats√§chlich in der einen oder anderen Weise f√ľr Ruhe gesorgt.

An der Juristischen Fakultät z.B. kehrte nach heftigen Auseinandersetzungen in den Jahren 1970 bis 1973 (sowohl 1970 als auch 1972 war die Lehrtätigkeit zweitweilig eingestellt worden) zunächst wirklich Ruhe ein. Allerdings wurden nicht nur radikale Gruppen verdrängt, auch viele gemäßigte Studierende zogen es fortan vor, zu schweigen und zu studieren. Selbst eine Fachschaft gab es dort bis 1979 nicht (und Wahlen dazu wurden vom Rektorat im gleichen Jahr mit Strafanzeigen bekämpft).

1976: Germanisten

Am Germanistischen Seminar hingegen f√ľhrte der gleiche harte Kurs (den Niederl√§nder nat√ľrlich nicht alleine verfolgte; viele der damals an der Unipolitik Beteiligten hielten ihn gar nicht f√ľr die treibende Kraft, eher f√ľr eine Frontfigur) in den Jahren 1976 und 1977 zu einer Eskalation der Situation: Nachdem die Studiensituation f√ľr viele Studierende und Lehrende schon kaum ertr√§glich geworden war (mehr Studierende, weniger Dozenten; das kennen wir ja von heute), erregte die geplante Einf√ľhrung von Klausuren in Mittelhochdeutsch sie. Auf einer Versammlung beschlossen die Studierenden, die Klausuren zu boykottieren. Diskussionen um deren Sinn mit dem Lehrk√∂rper ergaben kein Ergebnis: Dozenten, die der Argumentation der Studierenden folgen wollten, setzten sich nicht durch, andere waren befremdet vom Auftreten der Studierendenvertreter. Bald drangen die Streikenden auch in Vorlesungen ein, um Dozenten und Professoren zu einer Diskussion √ľber die Klausuren zu zwingen. Zudem versuchten sie, Klausuren, die angesetzt waren, auch durch Besetzung der R√§ume zu sprengen. Verschiedene Dozenten, darunter die betroffene Lehrstuhlinhaberin Roswita Wisniewski – damals frischgebackene CDU-Bundestagsabgeordnete – holten in mehreren solchen Situationen die Polizei. Die ging nicht zimperlich vor. Die zunehmende Sch√§rfe der Auseinandersetzungen erschwerte auch die Verhandlungen von Studierendenvertretern mit den Lehrenden. Nachdem Rektor Niederl√§nder die ersten Relegationen (Verweise von der Universit√§t) von zwei bis vier Semester ausgesprochen hatte und Strafanzeige gegen wirkliche und vermeintliche Streikf√ľhrer gestellt hatte, verschlechterte sich das Klima am Seminar immer mehr.

„Die Klausuren w√§ren nicht n√∂tig gewesen“, sagt ein Akademischer Oberrat heute, „und das ist eine Meinung, die auch damals im Kollegium unter normalen Umst√§nden mehrheitsf√§hig gewesen w√§re. Aber damals wollten sich einige eben durchsetzen. Das – und das kompromi√ülose Auftreten einiger Studentenvertreter – hat eine einvernehmliche L√∂sung damals verhindert“.

Die Unf√§higkeit, Kompromisse zu finden, st√ľrzte das Seminar f√ľr mehr als ein Semester ins Chaos: Nachdem Studierende immer mehr Vorlesungen gesprengt und sich in der Lobby des Seminares zum Teil bedrohliche Situationen abgespielt hatten, schlo√ü die Institutsleitung das Seminar. Die Studierenden empfanden das als Provokation und versuchten, dennoch einzudringen. Ein (immer) gr√∂√üer angelegtes Polizeiaufgebot sch√ľtzte nun das Geb√§ude; damit aber wurde der Konflikt √ľber die instituts- und uniinterne √Ėffentlichkeit hinaus in die Stadt getragen: Bei einem Demonstrationszug durch die Altstadt bekam auch der damalige Oberb√ľrgermeister Zundel, der nicht gerade als studentenfreundlich galt, Eier und Tomaten ab, als er vom Rathausbalkon lugte. Die Lokalpresse nahm sich des Konfliktes an; vor allem die Rhein-Neckar-Zeitung aber aus der „Recht & Ordnung“-Perspektive. Nachdem inneruniversit√§re Auseinandersetzungen schon in der √Ąra Rendtdorff auf den Lokalseiten und in den Leserbriefspalten von Rhein-Neckar-Zeitung“ und „Heidelberger Tageblatt“ ausgetragen worden waren, sorgte auch hier die Berichterstattung nicht f√ľr eine Beruhigung der Situation. Die Studierenden, die sehr viel schlechter an Platz in der Lokalpresse kamen, wehrten sich mit Flugbl√§ttern.

Der Solidarisierungseffekt, den die harte Haltung von Rektorat und Institutsleitung zun√§chst hervorgerufen hatten, hielt einige Monate. Ihr Ziel, auch die Mehrheit des Mittelbaus am Germanistischen Seminar und einige Professoren auf ihre Seite zu ziehen, erreichten die Studierenden aber gerade wegen der Eskalation des Konfliktes nicht: In einer solchen Situation glaubte es sich kaum ein Lehrender leisten zu k√∂nnen, sich „auf die andere Seite“ zu stellen. Dazu kam der immer wieder gesch√ľrte Verdacht, da√ü die Studentenproteste letzlich nur von einer kleinen Gruppe von Agitatoren der Kommunistischen Hochschulgruppe (KHG) und des Marxistischen Studentenbundes (MSB Spartakus) organisiert worden waren, die zudem auch nicht einmal am Germanistischen Seminar, ja noch nicht einmal in Heidelberg studierten. Die meisten „Ehemaligen“ allerdings, damalige Studenten wie Dozenten, geben heute zu, da√ü die „Roten“ zwar eine wichtige Rolle gespielt hatten, aber sicher nicht die alleintragende Kraft waren.

Nach einem halben Jahr verlor die Streikbewegung an Dynamik. Nach und nach wurden einige Klausuren geschrieben und der Medi√§vistik-Lehrstuhl von Prof. Wisniewski setzte sich durch. Das Semester aber hatte das Klima am Germanistische Seminar grundlegend gewandelt: „Seit damals trauen sich viele im Kollegium nicht mehr so recht, zu sagen, was sie denken“, meint einer der damals im Lehrk√∂rper Beteiligten, „oder was ich glaube, da√ü sie denken. Es ist einfach klargeworden, wer hier etwas zu sagen hat und wer resigniert hat“.

Gegen f√ľnfzehn Studierende wurden Strafverfahren eingeleitet; 3 von ihnen wurden wegen Beleidiung, N√∂tigung, Haus und Landfriedensbruch in langen Prozessen zu Haftstrafen bis zu 23 Monaten ohne Bew√§hrung verurteilt.

1977: Mediziner

Schon 1976 hatten Medizin-Studierende in Heidelberg auf die Einf√ľhrung von Klausuren mit Vorlesungsstreik reagiert. Die Proteste versch√§rften sich im Sommersemester 1977, als die bundesweite Fachtagung Medizin Urabstimmungen und Streiks beschlo√ü, um gegen die Bedingungen des neu eingef√ľhrten „Praktischen Jahres“ anzugehen, das sich an das Medizinstudium anschlie√üt und in dem die Studierenden einen sehr viel schlechteren Status hatten als bis dahin in der Phase als Assistenzarzt. Nirgendwo reagierten die Universit√§ten so hart wie in Heidelberg: Mit gr√∂√üeren Polizeiaufgeboten, Relegations- und Strafandrohungen gelang es dem Rektorat tats√§chlich, den Streik nach drei Wochen zu beenden. Nur in Heidelberg gab es Strafanzeigen und Prozesse gegen Medizin-Aktivisten.

1978: Mathematiker

Erfolgreicher f√ľr die Studierenden war eine Streikserie, die ein Jahr sp√§ter am Mathematischen Institut stattfand. Auch hier ging es um die Einf√ľhrung von Klausuren, auch hier versuchten Studierendenvertreter, dies durch Streik, Vorlesungssprengung und Demonstrationen zu verhindern.

Die Reaktion hier war allerdings viel gespaltener als bei den Germanisten: Man diskutierte im Fakult√§tsrat, man beschwichtigte, vermittelte, beriet. Trotzdem eskalierte auch hier die Situation nach Provokationen einiger Studierender und ruppigem Verhalten betroffener Professoren: Bald standen auch hier Uni-Rausschmisse, Strafanzeigen und Ordnungsverfahren auf der Tagesordnung. Auch hier sahen sich die Fachschafter dem Vorwurf ausgesetzt, der Streik w√ľrde von einer kleinen Gruppe radikaler Agitatoren inszeniert und ausgenutzt – selbst wenn die betroffenen Vorlesungen sogar von systemtreuen Jungakademikern gemieden wurden. Die Initiative zum „Durchgreifen“ aber ging vor allem vom scheidenden Rektor Niederl√§nder aus, der Anzeigen auch noch aufrecht erhielt, als fast alle Professoren der Mathematischen Fakult√§t ihre eigenen Anzeigen zur√ľckziehen wollten. Es kam zu Verurteilungen, allerdings in fast allen F√§llen „nur“ zu Bew√§hrungsstrafen. Die Klausuren selbst wurden tats√§chlich nicht eingef√ľhrt. Gleichwohl versuchten Professoren in den darauffolgenden Jahren noch √∂fter, sie schreiben zu lassen, bislang aber ohne Erfolg.

Danach: Ruhe

Es sollte vorl√§ufig letzte Mal sein, da√ü die „Rote Universit√§t“ Heidelberg in den Schlagzeilen war. Es folgten die Prozesse, die sich bisweilen ein Jahr lang hinzogen und von denen einige bis zum Bundesgerichtshof gingen. An der Universit√§t selbst gab es noch Konflikte um die Gr√ľndung der uns heute ziemlich selbstverst√§ndlichen Fachschaften (und nat√ľrlich Prozesse). Aber insgesamt kehrte wieder Ruhe und Ordnung im Neckarst√§dtchen ein.

Dazu trug auch bei, da√ü 1977 in Baden-W√ľrttemberg die „Verfa√üte Studentenschaften“ als rechtlich eigenst√§ndige Studierendenvertretungen abgeschafft und durch ein macht- und mittelloses Anh√§ngsel des Gro√üen Senates ersetzt worden waren, denen kein eigenverantwortliches Handeln mehr erlaubt wurde. Noch einmal hatten diese im Mai 1977 eine gro√üen Demonstration gegen die Strafverfahren organisiert, die mit 9.000 Teilnehmern die gr√∂√üte in Heidelberg √ľberhaupt wurde.

Selbst mehr als 10 Jahre danach, im „Unimut“-Semester 1988/89, griffen die bundesweiten studentischen Proteste sp√§t und schw√§chlich auf die Ruperto Carola √ľber (davon wird der vierte Teil unserer Serie erz√§hlen). Aber der Mythos vom unruhigen Heidelberg h√§lt sich noch in einigen K√∂pfen: Die Heidelberger Studierendenvertretung bekommt auch heute noch pro Kopf weniger Landesmittel als Unversit√§ten, die schon damals als friedlich galten; ein Ministerialbeamter hat dies noch vor wenigen Jahren offen mit politischen Gr√ľnden erkl√§rt.

Wunden.

Nat√ľrlich waren die Auseinandersetzungen der siebziger Jahre nicht √ľberall in Heidelberg gleich bitter. Aber an einigen Instituten haben tats√§chlich Wunden hinterlassen, die selbst der damals gerade geborene Studierende heute noch merkt (auch wenn er sich oft gar nicht erkl√§ren kann, was denn diesen oder jenen Professor oder Oberrat pl√∂tzlich so aufbringt, oder warum Prof. X nicht mit Dozent Y. redet). „Das Klima am Germanistischen Seminar, vor allem unter den Lehrenden, hat sich nachhaltig ver√§ndert“, sagt einer, der 1977 Angeh√∂riger des dortigen Mittelbaus war, „und die Leute, die das Seminar damals verlassen haben, sind nicht nur wissenschaftlich attraktiveren Rufen gefolgt“.

Die Mathematikerstreiks hingegen waren begrenzt, gro√üe Teile des Kollegiums schon damals konzilliant und nachdenklich. Deshalb haben die Auseinandersetzungen dort kaum Spuren hinterlassen, selbst wenn dort immer noch fast jedes Jahr um die „Klausurenfrage“ gerungen wird. Aber auch an der Fakult√§t f√ľr Mathematik reden einige nicht gerne √ľber alte Zeiten.

Insgesamt haben seit Beginn der siebziger Jahre nicht nur die Studierenden, sondern auch der akademische Mittelbau und auch die „niedrigen“ C3-Professoren (also die Nicht-Ordinarien) in der Universit√§t wieder an Einflu√ü verloren; viele Dinge, die in diesen Zeiten noch in den Fakult√§ten „ausdiskutiert“ wurden, sind heute wieder Sache der Ordinarien – selbst die Einf√ľhrung von „Institutsbeir√§ten“ zur st√§rkereren (beratenden) Beteiligung des Mittelbaus in den Instituten st√∂√üt im Moment auf Widerstand in Senat und Rektorat.

Die H√§rte und die Emotionen, mit denen Auseinandersetzungen gef√ľhrt werden, k√∂nnen aber schon deshalb heute nicht mehr so gro√ü sein, weil Studierende ein viel buntererer, unkoordinierterer Haufen sind, die ihren Lebensschwerpunkt zum gro√üen Teil nicht mehr an der Uni haben und auch sich auch politisch-ideologisch nicht mehr so straff organisieren lassen. Der Mittelbau wiederum mu√ü sich mehr und mehr von Zweijahresvertrag zu Zweijahresvertrag hangeln.

Und da wir ohnehin alle schneller studieren sollten, bleibt heutzutagenicht mehr sehr viel Zeit f√ľr die Revolution.

(hn)

„Jeden Tag ein neuer Brand“

Streiks, Demonstrationen, Strafverfahren in Heidelberg in den siebzigern (eine Auswahl)

1972/73:
Auseinandersetzungen am Juristischen Seminar;
Besetzung des Rektorats durch Mitglieder der Kommunistischen Hochschulgruppe

1975
Demonstrationen gegen die Erhöhung der Straßenbahnpreise in Heidelberg, maßgeblich organisiert von kommunistischen Hochschulgruppen; starke Polizeieinsätze, Auseinandersetzungen

1976:
Streik der Germanisten; Institutsschließung; schwere Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten;
Warnstreik von Medizinern

1977:
Im Sommersemester Streiks, Vorlesungsboykotte, und Demonstrationen an der Medizinischen Fakultät
Demonstrationen gegen die Abschaffung der Verfaßten Studentenschaft; im Mai erlebt Heidelberg seine mit etwa 8000 Leuten größte Demonstration, auf der die Studierenden gegen die zahlreichen eingeleiteten Strafverfahren protestieren;

1978:
Klausurenboykott an der Mathematischen Fakultät;
Im M√§rz gewaltsame R√§umung des selbstverwalteten Studentenwohnheimes „Collegium Academicum“, das f√ľr die einen Symbol studentischer Autonomie, f√ľr die anderen Symbol studentischen Radikalismus‘ ist

1979:
Auseinandersetzungen um Wahlen f√ľr eine Fachschaft an der Juristischen Fakult√§t

„Mit aller H√§rte des Gesetzes“

Straf- und Ordnungsverfahren gegen Studierende

  • 150 Verfahren wurden insgesamt in den Jahren 1975-1980 angestrengt, 450 Strafanzeigen gestellt.
  • 50 Relegationen von der Uni f√ľr bis zu vier Semester erhalten Studierende
  • 15 Germanisten werden zu Geldstrafen und /oder Haftstrafen bis zu 23 Monaten verurteilt
  • 6 Juristen und 10 Mediziner und 15 Mathematiker bekommen Geld- oder Bew√§hrungsstrafen
  • In allen anderen Universit√§tsst√§dten des Landes werden zusammen 10 Strafanzeigen gestellt.

Im n√§chsten ruprecht: Die Schlie√üung des selbstverwalteten Studentenwohnheimes „Collegium Academicum“ k√ľndigt das Ende der unruhigen Zeiten an.